Verschiedene Planeten - gleiche Sprache

Choreographin Beate Vollack im Gespräch Countertenor Xavier Sabata

Sie inszeniert und choreographiert Orfeo ed Euridice, er verkörpert die männliche Hauptrolle. Tanz trifft Oper. Kommt zusammen, was zusammen gehört?


Xavier, wie hast Du reagiert, als Du erfahren hast, dass Beate die Oper nicht nur inszeniert, sondern auch choreographiert, dass Du also nicht nur singen, sondern auch tanzen wirst?

Xavier Sabata: Beate und ich kannten uns vorher nicht. Und ich muss gestehen, dass ich etwas Angst hatte, sie würde als erfahrene Choreographin nur in Diagonalen und Koordinatensystemen sprechen. Aber schon bei unserem ersten Treffen haben wir uns sofort verstanden.

Beate Vollack: Xavier und ich waren uns von Anfang an einig, dass er als Orfeo nicht nur singen, sondern auch tanzen wird. Wir wollten beide den Versuch wagen, Stimme und Bewegung nicht zu trennen, Orfeo nicht durch einen Tänzer aus der Tanzkompanie zu doubeln. Ich habe Xavier versprochen, die Notbremse zu ziehen, sobald er keine gute Figur auf der Bühne machen würde, bevor ich wusste, dass das überhaupt nicht nötig sein wird. Denn obwohl wir von so unterschiedlichen Planeten kommen, haben wir von Anfang an, dieselbe Sprache gesprochen.


Woher kommt dieses gegenseitige Verständnis, wo ihr doch aus zwei verschiedenen Welten kommt, Beate aus dem Tanz und Du, Xavier, aus der Oper?

Sabata: Mein Weg zur Oper verlief nicht linear. Ich habe zuerst Schauspiel studiert, dann Saxophon und Philosophie. In der Oper habe ich schliesslich eine Kombination aus allem gefunden, was mich fasziniert. Deshalb habe ich mich nie nur als Sänger gesehen, sondern immer auch als Schauspieler oder vielmehr als Künstler.

Vollack: Ich habe in meiner Zeit als Tänzerin viel Oper getanzt und liebe sie nicht nur deshalb sehr. Aber das wirklich Spannende ist für mich die Kombination von Oper und Tanz. Sänger drücken Emotionen durch ihre Stimme aus, die Stimme der Tänzer ist ihr Körper. Mein Ziel ist es, diese beiden Ausdrucksmittel nicht zu trennen und deshalb auch die Physikalität der Sänger für meine Umsetzung zu nutzen.


Hat diese besondere Herausforderung etwas mit Deinem Entschluss als Sänger zu tun, genau jetzt als Orfeo zu debütieren?

Sabata: Diese Partie hat mich lange nicht besonders gereizt, weil ich kein grosser Fan von Repertoire-Stücken bin. Die lange Rezeption, die Tradition und Konvention der Aufführungspraxis empfand ich immer als einschränkend. Dieses spezielle Projekt ist das Gegenteil. Hier habe ich alle Freiheiten. Ausserdem überzeugt mich Beates Konzept von Orfeo ed Euridice als Plädoyer für Menschlichkeit und freien Willen.


Wie kam es zu dieser Idee?

Vollack: Ich habe lange nach einem guten Grund gesucht, warum Orfeo Euridice in die Augen schaut, obwohl er weiss, dass er sie dadurch erneut verliert. Dieser Grund musste stärker sein, als ein Zufall oder Unfall oder eine einfache Reaktion auf ihre Bitten. In meiner Vorstellung entscheidet sich Orfeo bewusst, die Spielregeln zu missachten. Er sieht Euridice an, die er über alles liebt, und ist damit nicht länger der Spielball der Götter, sondern ein freier Mensch. Dieser eine Augenblick der aufrichtigen Liebe ist es ihm Wert. Das ist vielleicht nicht vernünftig, aber doch verständlich.

Sabata: Dieses Phänomen wird vor allem im Mythos deutlich, der ja im Gegensatz zur Oper kein Happy End hat. Orfeo macht den Göttern einen Strich durch die Rechnung. Er ist ein freier Mensch. Er ist frei und dabei menschlich, nämlich nicht nur rational oder gar perfekt.


Perfektion ist etwas, das Gluck für diese Oper unbedingt vermeiden wollte. Sein Ziel war es, einen möglichst natürlichen und menschlichen Ausdruck auf der Bühne zu zeigen. Einem Orfeo-Darsteller hat der Komponist während der Proben folgende Anweisung gegeben: „Schreien Sie ganz einfach so schmerzvoll, als ob man Ihnen ein Bein absägte, und wenn Sie das können, dann gestalten Sie diesen Schmerz innerlich, moralisch und von Herzen kommend!“ Was sagt der Countertenor dazu?

Sabata: Glucks Aussage passt genau zu meiner Idee dieses Stücks, aber auch von Theater im Allgemeinen. Immer wenn ich die Oper gehört habe, hatte ich den Eindruck, dass das alles viel zu schön klingt. Für mich passte diese schöne Musik nicht mit dem Thema zusammen. Man muss sich das mal vorstellen: Da ruft ein Mann nach seiner verstorbenen Frau an deren Grab. Das ist eine Katastrophe, ein echtes menschliches Drama. In seinen Schreien nach Euridice müssen seine unendlichen Qualen, seine Verzweiflung, dieser Horror zu hören sein. Das empfinde ich als meine Aufgabe. Die Körperlichkeit und die Bewegung in dieser Szene helfen mir da sehr.


In einer Szene singst Du eine anspruchsvolle Phrase, während Du eine Tänzerin im wahrsten Sinne des Wortes auf Händen trägst. Man kann sich kaum vorstellen, dass das einem Sänger hilft.

Sabata: Am Anfang hat mir diese Szene schon Sorgen gemacht. Ich habe gedacht, dass ich das so nicht singen kann. Aber diese ständigen Gedanken daran, was alles nicht geht, waren die eigentliche Blockade. Also habe ich mich daran erinnert, dass ich die Kraft habe, die Tänzerin problemlos zu heben und dass ich die Phrase ohne Schwierigkeiten singen kann. Und ab diesem Moment dachte ich mir: Heb sie einfach hoch und sing!

Vollack: Das ist der springende Punkt, der Künstler von Talenten unterscheidet. Wenn ein Darsteller eine Bühne betritt, sollte er sich keine Gedanken mehr darüber machen, ob jede Bewegung perfekt ausgeführt wird oder jeder Ton virtuos erklingt. Er muss in seiner Figur aufgehen, nur so transportiert er ein Gefühl, das sich auf den Zuschauer übertragen kann. Einem Sänger wie Xavier muss man als Regisseurin nur den Weg ebnen, einen Rahmen schaffen, ein Umfeld, in dem er seinen Charakter formen kann. Dafür bin ich sehr dankbar. Und jetzt muss ich es gestehen, zu ihm würde ich mich auch umdrehen.